...doch Taxifahren? Oder wie soll man mit Philosophieren Geld verdienen?
Money, money, money - ich hab da eine Idee entwickelt!

„Und, was macht man damit?"
Wenn mich etwas kontinuierlich durch mein Philosophiestudium begleitet hat, dann war es neben veritablen Selbstzweifeln eine immer wiederkehrende Frage: „Und, was macht man damit?" Diese Frage hat mich gelinde gesagt total genervt! Denn sie war keinesfall so universal gemeint, wie gestellt. So hat es irritiert, wenn ich erwiderte, man sortiere sich dadurch selbst, lerne vieles im Bereich Argumentation und Rhetorik, es mache einen sicherer im Wissensgewinn und im Austausch mit anderen. Eine Person sagte mir einmal im Gespräch, sie habe erstmal Philosophie studiert, weil sie auf sich selbst und die Welt klar kommen musste. Ja, das würde ich genau so unterschreiben. Die einen brauchen dafür eben ein bisschen länger und wieder andere sind damit nie fertig. Aber wie gesagt, so war die Frage nicht gemeint. Sie zielte auf den Gelderwerb - also hätte sie eigentlich lauten müssen: „Und, wie lässt sich daraus eine finanzielle Erwerbstätigkeit generieren?" Ja, gut, keine Ahnung. Ich war froh, dass ich als Twentysomething etwas gefunden hatte, das mich wirklich interessiert hat, gleichzeitig herausforderte und wachsen ließ. Finanziell habe ich mir keine großen Sorgen gemacht, denn ich hatte schon immer Energie für fünf, habe an der Uni gejobbt und nebenbei abends und am Wochenende gekellnert. So konnte ich mir nicht nur das WG-Zimmer sichern, sondern auch einige Backpackreisen finanzieren. Zudem habe ich seit meinem Praktikum mit Anfang 20 im Lokaljournalismus angefangen, habe Artikel für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Plattformen geschrieben. Auch dadurch kam immer mal wieder etwas zusätzlich aufs Konto. Alles kein Problem also, denn Sparen - das lernt man während eines Philosophiestudiums ohnehin!
Wirtschaftlicher Druck: Wie Honorare im Bildungsbereich schmelzen
Okay, jetzt bin ich Ende 30. Nach der Promotion bin ich in Richtung Selbstständigkeit abgebogen. Wo einst ein warmes Gefühl finanzieller Grundentspanntheit war, herrscht nun ein gnadenloser wirtschaftlicher Druck, der mich mit voller Härte trifft. Ich lebe immernoch genauso sparsam wie in Studienzeiten, dennoch sind meine Lebenshaltungskosten stark gestiegen. Dazu gesellen sich Altersvorsorge, Promotionslücke und all die Freuden, die Soloselbstständige in Deutschland teilen. Mal eben nebenbei Texte schreiben, das ist immernoch möglich - aber Geld dafür bekommen? Fehlanzeige, schließlich gibt es ja jetzt auch kostenfreie Programme dafür. Ich darf auch gerne über meine Themen sprechen, das ist immer sehr interessant und unterhaltsam - aber die Honorare im Bildungsbereich? Pardon, aber das gleicht einem Trauerspiel. Der Vergleich mag hinken, aber für mich ist er da, aufgepasst! Als ich 20 war, kellnerte ich in einer Bar. Mit Trinkgeld kam ich an einem schlechten bis normalen Abend als ungelernte Kraft auf 20 Euro in der Stunde. Eine Universität in Deutschland zahlt mir als promovierte Fachkraft 35 Euro pro entrichtete Unterrichtsstunde - Vorbereitung, Hausarbeitskorrekturen und Studierendenberatung werden nicht entlohnt. So eine Hausarbeit in Phiolsophie hat knappe 20 Seiten, in einem Seminar sind etwa 30 Personen, von denen bestimmt sieben eine Prüfungsleistung erbringen möchten. Sie können selbst rechnen, wie lange man im Anschluss des Seminars mit Kommunikation, Prüfungen und Korrekturen braucht und Sie werden den Stundenlohn für den Unterricht auf gleichsam magische Weise schrumpfen sehen und zwar auf ein drastisch geringeres Niveau als das meiner damaligen Kellnereinkünfte.
Ein anderes, aktuelles Beispiel: Für eine Stunde Vortrag an einer Volkshochschule oder einem öffentlichen Bildungsträger bekomme ich in etwa 60 Euro, egal ob ich vor zehn oder 30 Personen spreche. Wieviel Zeit ich für die Vorbereitung brauche, die Kurstexte und so - das wissen Sie ja schon - spielt dabei natürlich auch keine Rolle. Während die Teilnehmenden für den Vortrag von der Umsatzsteuer befreit sind, muss ich für mein Honorar, wenn ich mit all meinen Einnahmen als Lehrerin über 25000 Euro Jahresumsatz komme, jedoch 19 Prozent abführen. Der Staat sagt den Selbstständigen: Das ist doch kein Problem, schlagen Sie einfach die 19 Prozent auf Ihr Honorar drauf. Nein, das geht nicht, denn die Honorare im Bildungsbereich sind fest und erlauben nicht diesen Spielraum. Das heißt: Ein Fünftel geht dann von dem Betrag einfach nochmal aus meinem Geldbeutel weg. Deswegen werden meine Ausgaben aber nicht weniger. Unser Auto (alleine könnte ich mir definitiv keines leisten) war jüngst bei der Inspektion. Das ist eine Vorsorgeuntersuchung. Da wurde eine Schraube ausgetauscht, ich weiß nicht, wie groß sie war, wie selten oder gar aus edlem Stoffe - sie wurde mit 60 Euro in Rechnung gestellt. Nach zehn Jahren Studium hat meine Unterrichtsstunde denselben Marktwert einer Schraube.
Auf der Suche nach Optionen: Womit also Geld verdienen?
Kurzum: Ich stelle mir nun selbst die einst als nervig empfundene Frage: Wie komme ich als Philosophin aus dem wirtschaftlichen Prekariat heraus? Frustrationsmomente begleiten mich selbstverständlich seitdem ich mich als Bildungsidealistin 2023 selbstständig gemacht habe - die Kombination aus der aktuellen Praxiseröffnung und dem Sommerloch lässt meine berufliche Frustration als Solo-Selbstständige jedoch gerade zu einem Allzeithoch anwachsen. Ja, vielleicht haben wir einen Punkt erreicht, den man Verzweiflung nennen kann. Zumindest habe auch ich neulich in der Badewanne „Chattie" mein Leid geklagt - so nenne ich die künstliche Intelligenz von Google. Ich habe gefragt, wie ich mit dem Umsatzsteuerproblem umgehen soll. Denn der eigentlich begrüßenswerte Fakt, dass es nur auftaucht, wenn man wirtschaftlich wächst, geht einher mit dem bereits erwähnten Problem, die 19 Prozent vom eigentlichen Gewinn selbst zu zahlen. Chattie war seiner Grundhaltung nach verständnisvoll und hat mir ein paar Tipss gegeben - zwei davon waren erstmal falsch. Als ich ihm das erklärte, entschuldigte er sich dafür und macht mir einen anderen Vorschlag. Ich solle ein weiteres Unternehmen gründen, eine UG nur für die Bildungsangebote. Ach ja!
Aus Neugierde, ob das Programm meine Ironie erkennen könne, schrieb ich: „Ganz ehrlich? Der Staat will nicht, dass ich als freiberufliche Dozentin erfolgreich wirtschafte - dann muss ich mir was anderes überlegen. Nicht mit Menschen arbeiten, sondern mit KI Finanzprodukte für die Elite bauen und verkaufen, das ist dem Staat lieber. Da fällt dann auch die gesetzliche Rentenversicherungspflicht weg, die für Lehrer und Dozenten nämlich auch noch dazu kommt!"
Ich stelle einen Screenshot mit der Antwort unter das Fenster. Was soll ich sagen? Das Taxifahren ist eine Idee von gestern - der Schwenk in KI, Tech und Finanzen ist die Alternative für PhilosophInnen im 21. Jahrhundert!




