KI - eine philosophische Erkundung
KI auf dem philosophischen Prüfstand – erst verstehen und dann bewusst diskutieren und anwenden!

Einige sind verunsichert, andere euphorisch und die nächsten wiederum genervt: KI ist als Thema in aller Munde und ihr Einsatz wird immer stärker sichtbar. Die Entwicklung und Anwendung dieser Technik wirft auch in philosophischer Perspektive zahlreiche Fragen auf, insbesondere wissenschaftstheoretische und ethische. Dieser Artikel fasst Etappen meiner aktuelle Vortragsreihe zusammen, die philosophisches Nachdenken zur Orientierung nutzt und erarbeitet, was KI ist und was sie mittlerweile alles kann, welche Chancen der Einsatz mit sich bringen kann und welche Risiken damit verbunden sind.
Philosophie kennt sich als Disziplin gut damit aus, sich in komplexen und abstrakten Gegenstandsbereichen mit Begriffen und Argumenten zu sortieren. Auf sortierter Grundlage, lässt sich Boden und Sicht entwickeln, um so vom Beobachten ins bewusste Gestalten zu wechseln. Für diesen Gewinn aus der Quelle des eigenen Philosophierens für die Orientierung in der Welt und in sich selbst, versuche ich nun schon über zehn Jahre durch meine Tätigkeiten im Bereich der Erwachsenenbildung zu werben. Meine Vorträge an der Münchner Volkshochschule sind dabei für mich schon zu einem sehr vertrauten Umfeld geworden, um eigene Gedanken auszuprobieren, um unterschiedlichen Perspektiven Raum zu geben und um zum gemeinsamen Nachdenken anzuregen. Vergangenen Winter kam mein Programmbereichsleiter auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht mal eine kleine Erklärreihe zu dem großen Thema KI anbieten könnte. Sehr viele Menschen hätten ihn darauf angesprochen, gezeigt, dass sie verunsichert seien. Gut, ich hatte bereits in einem anderen Semesterformat die historische Entwicklung von KI behandelt und mich etwas mit dem Problem der Fake News und Deep Fakes beschäftigt. Eine kleine Grundlage war also da und ich begann, für meine philosophische KI-Erkundung zu recherchieren.
Den Boden bestellen: Einen Anfang finden und das Ohr auf die Schiene der Geschichte legen
Zu zeigen, dass KI in aller Munde ist, einige besorgt, andere euphorisiert, fällt leicht. „Anthropic fordert Pause bei KI-Entwicklung“ zeilt die Tagesschau Anfang Juni 2026. „OpenAI will ChatGPT zur Super-App umbauen“ kündigt die FAZ an. Und die Welt posaunt: „KI-Forscher warnt – ‚Alle Tests schlagen Alarm, die Sirenen heulen. Und wir ignorieren das einfach‘“. KI ist groß, dominiert unterschiedliche gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Debatten. Aber was ist damit eigentlich genau gemeint? Ein Blick in mein Lexikon des Vertrauens, das Metzler-Lexikon Philosophie hält folgende Beschreibung parat:
„Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Definitionen für KI. Künstliche Intelligenz wird definiert als (1) der Versuch, Computermodelle von kognitiven Prozessen zu bauen, (2) die Untersuchung von Ideen, die es Computern ermöglicht, intelligent zu sein, (3) der Zweig der Computerwissenschaften, der sich damit befasst, Computer so zu programmieren, dass sie Aufgaben ausführen können, die, wenn sie von einem Menschen ausgeführt würden, Intelligenz erfordern, (4) ein Verfahren, das flexible, nichtnumerische Problemlösungen zur Verfügung stellt. Letztlich gebiert KI eine Technologie, die es einem Computer in komplexen Situationen ermöglicht, zumindest ansatzweise Phänomene der realen Welt zu verstehen. Generell kann KI-Forschung als der Versuch angesehen werden, spezifische menschliche Fähigkeiten, insbesondere dessen Intelligenz maschinell nachzuahmen bzw. von einer »intelligenten« Maschine unter Umständen in »perfektionierterer« Form ausführen zu lassen. Dabei wird versucht, nicht nur die rein rationalen Fähigkeiten des Menschen, sondern auch die mit ihm verbundenen leiblichen Funktionen des Wahrnehmens, Empfindens, Erkennens und Handelns mit Computerhilfe zu simulieren.“
Der weiteste Begriff von KI lässt sich demnach als Technologie beschreiben, die es Computern ermöglicht menschliche Intelligenz nachzuahmen. Und diese Idee sowie der Versuch ein solches Projekt zu realisieren, fällt in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Wer an einen ‚Geburtsort‘ der KI-Forschung reisen möchte, findet sich auf der Konferenz des Darthmouth Summer Research Project of Artificial Intelligence im Jahr 1956 im Darthmouth College in Hanover, New Hampshire wieder. Die Teilnehmer waren der Auffassung, dass Denken auch außerhalb des menschlichen Körpers möglich sein müsse, dass Denken mit wissenschaftlichen Methoden formalisiert werden könne, und das beste Werkzeug hierfür digitale Rechner seien. Im Förderantrag von John McCarthy und den anderen lässt sich lesen:
„Wir schlagen vor, im Laufe des Sommers 1956 über zwei Monate ein Seminar zur künstlichen Intelligenz mit zehn Teilnehmern am Dartmouth College durchzuführen. Das Seminar soll von der Annahme ausgehen, dass grundsätzlich alle Aspekte des Lernens und anderer Merkmale der Intelligenz so genau beschrieben werden können, dass eine Maschine zur Simulation dieser Vorgänge gebaut werden kann. Es soll versucht werden, herauszufinden, wie Maschinen dazu gebracht werden können, Sprache zu benutzen, Abstraktionen vorzunehmen und Konzepte zu entwickeln, Probleme von der Art, die zurzeit dem Menschen vorbehalten sind, zu lösen, und sich selbst weiter zu verbessern. Wir glauben, dass in dem einen oder anderen dieser Problemfelder bedeutsame Fortschritte erzielt werden können, wenn eine sorgfältig zusammengestellte Gruppe von Wissenschaftlern einen Sommer lang gemeinsam daran arbeitet.“ (eigene Hervohebung)
Das mit den bedeutenden Fortschritten auf diesem Gebiet sollte sich als zutreffende Prognose erfüllen, dass dies in einem Sommer geschehen könnte, war womöglich etwas zu optimistisch. Für alle Philosophieinteressierte mag es erwähnenswert sein, dass die Principia Mathematica (1910-13) von Bertrand Russell und Alfred North Whitehead maßgeblich zur Enwticklung des ersten funtkionstüchtigen Programms beigetragen haben. Ihr Versuch, alle mathematischen Wahrheiten aus einem wohldefinierten Satz von Axiomen und Schlussregeln herzuleiten und mathematische Erkenntnisse damit ihrer sprachlichen Natur nach formallogisch zu erklären, nahmen sich Herbert Simon und Allen Newell für ihre Denkmaschine, den Logic Theorist, zur Basis. Vor siebzig Jahren, also 1956 erfanden Newell und Simon dieses Computerprogramm, das Theoreme der symbolischen Logik aus Whiteheads und Russells Principia Mathematica beweisen konnte. Möglicherweise war es das erste funktionierende Programm, das einige Aspekte der menschlichen Fähigkeit zur Lösung komplexer Probleme simulierte (siehe dazu Leo Gugerty 2006: Newell and Simon's Logic Theorist: Historical Background and Impact on Cognitive Modeling).
Menschliche Intelligenz ist die Grundlage aller Formen künstlicher Intelligenz
Und von da aus entwickelte sich die KI in ihre heutige Vielfalt weiter, wie etwa in natürlichsprachliche Systeme, Expertensysteme, Deduktionssysteme, Robotersteuerung, Bildverstehen und intelligente Recherche. Was dieser historische Abriss, der nicht im Ansatz auf Vollständigkeit zielt, leisten möchte, ist folgende Feststellung: Am Anfang dieser aktuell auf alle menschlichen Lebensbereiche einwirkenden Technologie steht der menschliche Wille, eine Intelligenz simulierende Maschine zu entwickeln. Wir tragen also die Verantwortung für die Technologie, genauso wie wir die Verantwortung für die Elektrizität oder Nuklearenergie tragen. Und das bedeutet, wir müssen ihre Entwicklung und ihre Anwendung bewusst gestalten. Jemand, der sich bereits seit Jahren dafür von philosophischer Seite her einsetzt, ist Markus Gabriel. Er bezeichnet KI als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts und fordert aufgrund ihrer ethischen und auch geopolitischen Dimensionen eine Kooperation verschiedener Disziplinen. Für eine verantwortungsvolle und wünschenswerte Digitalisierung, die uns erlaubt, Schlüsseltechnologie möglichst risikofrei und sinnvoll in unsere gesellschaftliche Selbstverständigung einzubringen, hält er beispielsweise die Erarbeitung von Zertifizierungskriterien für KI-Systeme für eine wichtige Grundlage.
Ein weiteres, sehr wichtiges Unternehmen seitens der Philosophie ist der Versuch mittels eines Handbuches Grundlagenwissen zur Verfügung zu stellen, um Orientierungswissen zu ermöglichen. Klaus Mainzer schreibt in seiner Einführung in das Philosophische Handbuch Künstliche Intelligenz (2019):
„Künstliche Intelligenz (KI) beherrscht längst unser Leben. Spätestens seit den Chatbots wie ChatGPT ist ‚KI‘ im Alltag angekommen – wie vorher bereits Apps und alle möglichen soziale Medien. Smartphones, die mit uns sprechen, Armbanduhren, die unsere Gesundheitsdaten aufzeichnen, Arbeitsabläufe, die sich automatisch
organisieren, Autos, Flugzeuge und Drohnen, die sich selbst steuern, Verkehrs- und Energiesysteme mit autonomer Logistik oder Roboter, die ferne Planeten erkunden, sind technische Beispiele einer vernetzten Welt intelligenter Systeme. […]
Wie keine Technologie vorher zielt die Künstliche Intelligenz (KI) in das Zentrum des menschlichen Selbstverständnisses. Zudem sind die Grundlagen der KI tief in der Philosophie der Logik, des Denkens und Wissens verwurzelt. […] Denken und Wissen selber und das Selbstverständnis der Menschen verändern sich durch KI grundlegend. […]
Philosophie gilt seit der Antike als Ursprung der Wissenschaften. Sie fragt auch heute noch nach den Prinzipien (lateinisch principium = Ursprung, Anfang) unseres Wissens, seinen logischen Grundlagen, seinen transdisziplinären Zusammenhängen, seinen sozio-kulturellen Bedingungen und ethischen Konsequenzen. […] Neben der methodischen und kritischen Klärung der Grundlagen fällt Philosophie damit auch die Rolle des Orientierungswissens für die Einzelwissenschaften zu. Hochentwickelte Zivilisationen hängen wie nie zuvor in der Geschichte von technischwissenschaftlichem Wissen und Können ab. Das wird in Zukunft zentral für die Künstliche Intelligenz zutreffen. Daher wird es zunehmend auch auf Orientierungswissen für die Gesellschaft ankommen.“
Und dieses Grundlagenwissen brauchen wir als Gesellschaft dringend, denn die ganzen unterschiedlichen Programme, die es schaffen menschliche Intelligenz zu simulieren – angefangen bei Übersetzungsprogrammen, wie DeepL oder Googletranslate, hin zu Chatbots, wie ChatGPT oder KI-Agenten, die mittels neuronaler Netze zum tiefen Lernen in der Lage sind – durchweben bereits unsere Alltags- und Arbeitswelt. Sie bringen enorme Chancen und bergen genauso große Risiken. Ihre Mustererkennungen und Problemlösungen werden im Bereich Medizin, Verkehr, Industrie, Sicherheit, öffentliche Verwaltung und Militär eingesetzt. Wer sich die Dimension und den damit verbundenen politischen Handlungsbedarf vergegenwärtigen möchte, findet auf der Seite des Europäischen Parlaments einen Überblick der zentralen Chancen und Risiken dieser Technologie.
Fazit der philosophischen Erkundungstour: Weshalb wir nicht von ‚KI‘ sprechen sollten
Ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, von KI im allgemeinen zu sprechen, sich über Schreckensszenarien den Kopf zu zerbrechen oder in die euphorische Startup-Mentalität zu verfallen. Die Frage nach KI, ihrer Bedeutung und ihren Auswirkungen halte ich nach meinem kleinen Ausflug in ihre Anwendungsvielfalt schlicht für falsch gestellt. Wir sollten unsere Fragen differenzieren: Welches Programm meinen wir? Von welchem Anwendungsbereich sprechen wir? Es ist doch jeweils eine ganz andere Diskussion, ob wir
von selbstfliegenden Drohnen sprechen, die aufgrund des KI-Programms Centaur auch eigenständige taktische Entscheidungen in der möglichen Kampfsituation treffen oder
von medizinischen Robotern, die wie Aurora bei Operationen assistieren und damit medizinisches Fachpersonal unterstützen oder künftig auch eigenständig Operationen durchführen sollen oder
von Chatbots, denen wir in den einen Situationen unser Herz ausschütten und uns sogar mit ihnen anfreunden oder uns in sie verlieben oder auf deren Antworten wir unhinterfragt aufbauen, weil wir es für fundiertes Wissen halten, wobei Wirklichkeit kein entscheidender Faktor ihrer Generierung ist, sondern lediglich Wahrscheinlichkeit (Buchtipp dazu Sarah Spiekermann Digitale Ethik).
Wir sollten uns ein so grundlegendes Verständnis der Künstlichen Intelligenz zurechtlegen, dass wir verstehen, wie groß ihr Veränderungspotential insgesamt für den Fortschritt unserer digitalen Gesellschaftsformation ist. Einen Vergleichspunkt dafür zu finden, ist historisch schwierig, aber mir erscheint der Vergleich mit der Entwicklung der Elektrizität in vielerlei Hinsicht als treffend. Und hier diskutieren wir ja auch schon lange nicht mehr, die Chancen und Risiken von Strom. Sondern wir differenzieren nach Stromgewinnung und Anwendungsbereichen, haben Sicherheitsmaßnahmen etabliert, die Erzeugung und den Vertrieb rechtlich reglementiert und fragen uns in den jeweiligen konkreten Arbeitsbereichen, wo wir als Menschen von Strom profitieren und wo ein Verzicht auf Elektronik geraten erscheint. Auf diese unterscheidende Art und Weise mit den neuen Fragestellungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz vorzugehen, erscheint mir als geraten, denn ich denke, so lassen sich gewinnbringende und orientierungsstiftende Diskussionen führen. Und die brauchen wir sowohl für unseren persönlichen Umgang mit KI-basierten Programmen im Alltag als auch für die politische Entscheidungsfindung über ethische Aspekte und rechtliche Regulierung.


