KI - eine philosophische Erkundung

Dr. Sandra Eleonore Johst • 18. Juni 2026

KI auf dem philosophischen Prüfstand – erst verstehen und dann bewusst diskutieren und anwenden!

Einige sind verunsichert, andere euphorisch und die nächsten wiederum genervt: KI ist als Thema in aller Munde und ihr Einsatz wird immer stärker sichtbar. Die Entwicklung und Anwendung dieser Technik wirft auch in philosophischer Perspektive zahlreiche Fragen auf, insbesondere wissenschaftstheoretische und ethische. Dieser Artikel fasst Etappen meiner aktuelle Vortragsreihe zusammen, die philosophisches Nachdenken zur Orientierung nutzt und erarbeitet, was KI ist und was sie mittlerweile alles kann, welche Chancen der Einsatz mit sich bringen kann und welche Risiken damit verbunden sind.


Philosophie kennt sich als Disziplin gut damit aus, sich in komplexen und abstrakten Gegenstandsbereichen mit Begriffen und Argumenten zu sortieren. Auf sortierter Grundlage, lässt sich Boden und Sicht entwickeln, um so vom Beobachten ins bewusste Gestalten zu wechseln. Für diesen Gewinn aus der Quelle des eigenen Philosophierens für die Orientierung in der Welt und in sich selbst, versuche ich nun schon über zehn Jahre durch meine Tätigkeiten im Bereich der Erwachsenenbildung zu werben. Meine Vorträge an der Münchner Volkshochschule sind dabei für mich schon zu einem sehr vertrauten Umfeld geworden, um eigene Gedanken auszuprobieren, um unterschiedlichen Perspektiven Raum zu geben und um zum gemeinsamen Nachdenken anzuregen. Vergangenen Winter kam mein Programmbereichsleiter auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht mal eine kleine Erklärreihe zu dem großen Thema KI anbieten könnte. Sehr viele Menschen hätten ihn darauf angesprochen, gezeigt, dass sie verunsichert seien. Gut, ich hatte bereits in einem anderen Semesterformat die historische Entwicklung von KI behandelt und mich etwas mit dem Problem der Fake News und Deep Fakes beschäftigt. Eine kleine Grundlage war also da und ich begann, für meine philosophische KI-Erkundung zu recherchieren.


Den Boden bestellen: Einen Anfang finden und das Ohr auf die Schiene der Geschichte legen


Zu zeigen, dass KI in aller Munde ist, einige besorgt, andere euphorisiert, fällt leicht. „Anthropic fordert Pause bei KI-Entwicklung“ zeilt die Tagesschau Anfang Juni 2026. „OpenAI will ChatGPT zur Super-App umbauen“ kündigt die FAZ an. Und die Welt posaunt: „KI-Forscher warnt – ‚Alle Tests schlagen Alarm, die Sirenen heulen. Und wir ignorieren das einfach‘“. KI ist groß, dominiert unterschiedliche gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Debatten. Aber was ist damit eigentlich genau gemeint? Ein Blick in mein Lexikon des Vertrauens, das Metzler-Lexikon Philosophie hält folgende Beschreibung parat:

 

„Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Definitionen für KI. Künstliche Intelligenz wird definiert als (1) der Versuch, Computermodelle von kognitiven Prozessen zu bauen, (2) die Untersuchung von Ideen, die es Computern ermöglicht, intelligent zu sein, (3) der Zweig der Computerwissenschaften, der sich damit befasst, Computer so zu programmieren, dass sie Aufgaben ausführen können, die, wenn sie von einem Menschen ausgeführt würden, Intelligenz erfordern, (4) ein Verfahren, das flexible, nichtnumerische Problemlösungen zur Verfügung stellt. Letztlich gebiert KI eine Technologie, die es einem Computer in komplexen Situationen ermöglicht, zumindest ansatzweise Phänomene der realen Welt zu verstehen. Generell kann KI-Forschung als der Versuch angesehen werden, spezifische menschliche Fähigkeiten, insbesondere dessen Intelligenz maschinell nachzuahmen bzw. von einer »intelligenten« Maschine unter Umständen in »perfektionierterer« Form ausführen zu lassen. Dabei wird versucht, nicht nur die rein rationalen Fähigkeiten des Menschen, sondern auch die mit ihm verbundenen leiblichen Funktionen des Wahrnehmens, Empfindens, Erkennens und Handelns mit Computerhilfe zu simulieren.“

 

Der weiteste Begriff von KI lässt sich demnach als Technologie beschreiben, die es Computern ermöglicht menschliche Intelligenz nachzuahmen. Und diese Idee sowie der Versuch ein solches Projekt zu realisieren, fällt in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Wer an einen ‚Geburtsort‘ der KI-Forschung reisen möchte, findet sich auf der Konferenz des Darthmouth Summer Research Project of Artificial Intelligence im Jahr 1956 im Darthmouth College in Hanover, New Hampshire wieder. Die Teilnehmer waren der Auffassung, dass Denken auch außerhalb des menschlichen Körpers möglich sein müsse, dass Denken mit wissenschaftlichen Methoden formalisiert werden könne, und das beste Werkzeug hierfür digitale Rechner seien. Im Förderantrag von John McCarthy und den anderen lässt sich lesen:

 

„Wir schlagen vor, im Laufe des Sommers 1956 über zwei Monate ein Seminar zur künstlichen Intelligenz mit zehn Teilnehmern am Dartmouth College durchzuführen. Das Seminar soll von der Annahme ausgehen, dass grundsätzlich alle Aspekte des Lernens und anderer Merkmale der Intelligenz so genau beschrieben werden können, dass eine Maschine zur Simulation dieser Vorgänge gebaut werden kann. Es soll versucht werden, herauszufinden, wie Maschinen dazu gebracht werden können, Sprache zu benutzen, Abstraktionen vorzunehmen und Konzepte zu entwickeln, Probleme von der Art, die zurzeit dem Menschen vorbehalten sind, zu lösen, und sich selbst weiter zu verbessern. Wir glauben, dass in dem einen oder anderen dieser Problemfelder bedeutsame Fortschritte erzielt werden können, wenn eine sorgfältig zusammengestellte Gruppe von Wissenschaftlern einen Sommer lang gemeinsam daran arbeitet.“ (eigene Hervohebung)

 

Das mit den bedeutenden Fortschritten auf diesem Gebiet sollte sich als zutreffende Prognose erfüllen, dass dies in einem Sommer geschehen könnte, war womöglich etwas zu optimistisch. Für alle Philosophieinteressierte mag es erwähnenswert sein, dass die Principia Mathematica (1910-13) von Bertrand Russell und Alfred North Whitehead maßgeblich zur Enwticklung des ersten funtkionstüchtigen Programms beigetragen haben. Ihr Versuch, alle mathematischen Wahrheiten aus einem wohldefinierten Satz von Axiomen und Schlussregeln herzuleiten und mathematische Erkenntnisse damit ihrer sprachlichen Natur nach formallogisch zu erklären, nahmen sich Herbert Simon und Allen Newell für ihre Denkmaschine, den Logic Theorist, zur Basis. Vor siebzig Jahren, also 1956 erfanden Newell und Simon dieses Computerprogramm, das Theoreme der symbolischen Logik aus Whiteheads und Russells Principia Mathematica beweisen konnte. Möglicherweise war es das erste funktionierende Programm, das einige Aspekte der menschlichen Fähigkeit zur Lösung komplexer Probleme simulierte (siehe dazu Leo Gugerty 2006: Newell and Simon's Logic Theorist: Historical Background and Impact on Cognitive Modeling).

 

Menschliche Intelligenz ist die Grundlage aller Formen künstlicher Intelligenz

 

Und von da aus entwickelte sich die KI in ihre heutige Vielfalt weiter, wie etwa in natürlichsprachliche Systeme, Expertensysteme, Deduktionssysteme, Robotersteuerung, Bildverstehen und intelligente Recherche. Was dieser historische Abriss, der nicht im Ansatz auf Vollständigkeit zielt, leisten möchte, ist folgende Feststellung: Am Anfang dieser aktuell auf alle menschlichen Lebensbereiche einwirkenden Technologie steht der menschliche Wille, eine Intelligenz simulierende Maschine zu entwickeln. Wir tragen also die Verantwortung für die Technologie, genauso wie wir die Verantwortung für die Elektrizität oder Nuklearenergie tragen. Und das bedeutet, wir müssen ihre Entwicklung und ihre Anwendung bewusst gestalten. Jemand, der sich bereits seit Jahren dafür von philosophischer Seite her einsetzt, ist Markus Gabriel. Er bezeichnet KI als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts und fordert aufgrund ihrer ethischen und auch geopolitischen Dimensionen eine Kooperation verschiedener Disziplinen. Für eine verantwortungsvolle und wünschenswerte Digitalisierung, die uns erlaubt, Schlüsseltechnologie möglichst risikofrei und sinnvoll in unsere gesellschaftliche Selbstverständigung einzubringen, hält er beispielsweise die Erarbeitung von Zertifizierungskriterien für KI-Systeme für eine wichtige Grundlage.

 

Ein weiteres, sehr wichtiges Unternehmen seitens der Philosophie ist der Versuch mittels eines Handbuches Grundlagenwissen zur Verfügung zu stellen, um Orientierungswissen zu ermöglichen. Klaus Mainzer schreibt in seiner Einführung in das Philosophische Handbuch Künstliche Intelligenz (2019):

 

 „Künstliche Intelligenz (KI) beherrscht längst unser Leben. Spätestens seit den Chatbots wie ChatGPT ist ‚KI‘ im Alltag angekommen – wie vorher bereits Apps und alle möglichen soziale Medien. Smartphones, die mit uns sprechen, Armbanduhren, die unsere Gesundheitsdaten aufzeichnen, Arbeitsabläufe, die sich automatisch

organisieren, Autos, Flugzeuge und Drohnen, die sich selbst steuern, Verkehrs- und Energiesysteme mit autonomer Logistik oder Roboter, die ferne Planeten erkunden, sind technische Beispiele einer vernetzten Welt intelligenter Systeme. […]

Wie keine Technologie vorher zielt die Künstliche Intelligenz (KI) in das Zentrum des menschlichen Selbstverständnisses. Zudem sind die Grundlagen der KI tief in der Philosophie der Logik, des Denkens und Wissens verwurzelt. […] Denken und Wissen selber und das Selbstverständnis der Menschen verändern sich durch KI grundlegend. […]

Philosophie gilt seit der Antike als Ursprung der Wissenschaften. Sie fragt auch heute noch nach den Prinzipien (lateinisch principium = Ursprung, Anfang) unseres Wissens, seinen logischen Grundlagen, seinen transdisziplinären Zusammenhängen, seinen sozio-kulturellen Bedingungen und ethischen Konsequenzen. […] Neben der methodischen und kritischen Klärung der Grundlagen fällt Philosophie damit auch die Rolle des Orientierungswissens für die Einzelwissenschaften zu. Hochentwickelte Zivilisationen hängen wie nie zuvor in der Geschichte von technischwissenschaftlichem Wissen und Können ab. Das wird in Zukunft zentral für die Künstliche Intelligenz zutreffen. Daher wird es zunehmend auch auf Orientierungswissen für die Gesellschaft ankommen.“

 

Und dieses Grundlagenwissen brauchen wir als Gesellschaft dringend, denn die ganzen unterschiedlichen Programme, die es schaffen menschliche Intelligenz zu simulieren – angefangen bei Übersetzungsprogrammen, wie DeepL oder Googletranslate, hin zu Chatbots, wie ChatGPT oder KI-Agenten, die mittels neuronaler Netze zum tiefen Lernen in der Lage sind – durchweben bereits unsere Alltags- und Arbeitswelt. Sie bringen enorme Chancen und bergen genauso große Risiken. Ihre Mustererkennungen und Problemlösungen werden im Bereich Medizin, Verkehr, Industrie, Sicherheit, öffentliche Verwaltung und Militär eingesetzt. Wer sich die Dimension und den damit verbundenen politischen Handlungsbedarf vergegenwärtigen möchte, findet auf der Seite des Europäischen Parlaments einen Überblick der zentralen Chancen und Risiken dieser Technologie.

 

Fazit der philosophischen Erkundungstour: Weshalb wir nicht von ‚KI‘ sprechen sollten

 

Ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, von KI im allgemeinen zu sprechen, sich über Schreckensszenarien den Kopf zu zerbrechen oder in die euphorische Startup-Mentalität zu verfallen. Die Frage nach KI, ihrer Bedeutung und ihren Auswirkungen halte ich nach meinem kleinen Ausflug in ihre Anwendungsvielfalt schlicht für falsch gestellt. Wir sollten unsere Fragen differenzieren: Welches Programm meinen wir? Von welchem Anwendungsbereich sprechen wir? Es ist doch jeweils eine ganz andere Diskussion, ob wir

 

 von selbstfliegenden Drohnen sprechen, die aufgrund des KI-Programms Centaur auch eigenständige taktische Entscheidungen in der möglichen Kampfsituation treffen oder

 

von medizinischen Robotern, die wie Aurora bei Operationen assistieren und damit medizinisches Fachpersonal unterstützen oder künftig auch eigenständig Operationen durchführen sollen oder

 

von Chatbots, denen wir in den einen Situationen unser Herz ausschütten und uns sogar mit ihnen anfreunden oder uns in sie verlieben oder auf deren Antworten wir unhinterfragt aufbauen, weil wir es für fundiertes Wissen halten, wobei Wirklichkeit kein entscheidender Faktor ihrer Generierung ist, sondern lediglich Wahrscheinlichkeit (Buchtipp dazu Sarah Spiekermann Digitale Ethik).

 

Wir sollten uns ein so grundlegendes Verständnis der Künstlichen Intelligenz zurechtlegen, dass wir verstehen, wie groß ihr Veränderungspotential insgesamt für den Fortschritt unserer digitalen Gesellschaftsformation ist. Einen Vergleichspunkt dafür zu finden, ist historisch schwierig, aber mir erscheint der Vergleich mit der Entwicklung der Elektrizität in vielerlei Hinsicht als treffend. Und hier diskutieren wir ja auch schon lange nicht mehr, die Chancen und Risiken von Strom. Sondern wir differenzieren nach Stromgewinnung und Anwendungsbereichen, haben Sicherheitsmaßnahmen etabliert, die Erzeugung und den Vertrieb rechtlich reglementiert und fragen uns in den jeweiligen konkreten Arbeitsbereichen, wo wir als Menschen von Strom profitieren und wo ein Verzicht auf Elektronik geraten erscheint. Auf diese unterscheidende Art und Weise mit den neuen Fragestellungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz vorzugehen, erscheint mir als geraten, denn ich denke, so lassen sich gewinnbringende und orientierungsstiftende Diskussionen führen. Und die brauchen wir sowohl für unseren persönlichen Umgang mit KI-basierten Programmen im Alltag als auch für die politische Entscheidungsfindung über ethische Aspekte und rechtliche Regulierung.

von Dr. Sandra Eleonore Johst 19. März 2026
Die Geburt ist Teil des Lebens und dennoch jedes Mal einzigartig Dass unser Leben auf der Welt mit der Geburt beginnt, ist wohl eine Grundeinsicht in die Bedingungen menschlichen Lebens und diese Feststellung allein dürfte wohl kaum für Verwunderung sorgen. Doch so klar wir mit diesem Fakt vertraut sind, so erstaunlicher ist es, die einzigartige Wirkung zu erleben, die das Geborenwerden jedes Mal mit sich bringt. Immer wieder ist es ein kleines großes Wunder , das so vieles bedeutet. Das mit Gefühlen, Unsicherheiten und konkreten Veränderungen verbunden ist, das kaum zu greifen und zu beschreiben ist. Diese kleinen staunenden Augen, die uns plötzlich erblicken - das neue Zentrum, um das sich nun die Familie anfängt zu sortieren - der Anfang, der gemacht ist und von nun an weiter seinen Lauf nehmen wird. All das kann uns ins Staunen bringen und das Staunen bildet oftmals den Auftakt des Philosophierens, wie es bereits auf Platon zurückgeht: „Denn gar sehr ist dies der Zustand eines Freundes der Weisheit, die Verwunderung [τὸ θαυμάζειν]; ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen, [...].“ (Platon) Umso erstaunlicher ist es, dass in der über 2500 Jahre dauernden abendländischen Geschichte der Philosophie verhältnisweise selten über die Geburt philosophisch nachgedacht wurde. Zwar gibt es sogar eine philosophische Methode, das sokratische Gespräch, welche einen sachlichen Zusammenhang zur Geburt zeigt. Denn Sokrates hat sein Vorgehen, durch offenes Fragen und gemeinsames Erörtern das Gegenüber zur Einsicht zu begleiten, mit dem Handwerk der Hebammen verglichen: „Ja auch hierin geht es mir eben wie den Hebammen, ich gebäre nichts von Weisheit, und was mir bereits viele vorgeworfen, daß ich andere zwar fragte, selbst aber nichts Kluges wüßte zu antworten, darin haben sie recht. Die Ursach davon aber ist diese, Geburtshilfe leisten nötiget mich der Gott, erzeugen aber hat er mich gewehrt.“ (Platon) Aber die Geburt bildet hier lediglich den Vergleichspunkt für das philosophische Bemühen um Weisheit und steht gar nicht selbst als Phänomen im Mittelpunkt. Dennoch kann die Stelle auf eine Besonderheit der Geburt aufmerksam machen: Die Grenze der möglichen Einflussnahme. Natürlich gibt es Dinge, die in unserer Hand liegen, aber insgesamt ist es ein großes Überraschungspaket. Dieser neue Anfang, der mit dem kleinen Menschen auf die Welt kommt, entzieht si ch Planung und Kontrolle, hat eine eigene Dynamik und Kraft. Die zeitgenössische Philosophin Barbara Bleisch versteht Geburt und Elternschaft deswegen als eine „ Erfahrung des radikal Unverfügbaren “, die im eklatanten Widerspruch zu dem allgegenwärtigen Bemühen unserer Gesellschaft stehe, Risiken zu vermeiden und zu kontrollieren: Als Eltern könnten wir niemals sicher sein, wie es unserem Kind „nachher in seinem Leben ergehen wird, obwohl wir radikal für dieses Kind verantwortlich sind.“ Auch die Denkerin Hannah Arendt erkannte einen strukturellen Zusammenhang zwischen dem Geborenwerden und der wohl umstrittensten und uneindeutigsten menschlichen Gabe: der Freiheit . Während etwa noch ihr Lehrer Martin Heidegger im Rückgriff auf die philosophische Tradition das menschliche Dasein in Hinblick auf den Tod beschreibt, fokussiert sie die Geburt als zentrales Grenzerlebnis menschlicher Existenz. Sie prägt dafür auch einen eigenen Terminus, die Natalität. Ihre Briefe und Notizbücher verraten, dass ihr vielleicht 1952 bei einer Aufführung von Händels Messias-Oratorium, die dafür zündende Idee kam, die Geburt als metaphysisch produktiven Begriff für eine Theorie politischen Handelns aufzufassen. Im Anschluss an das Konzert schreibt sie an ihren Ehemann Heinrich Blücher: „Und was für ein Werk. […] Das Halleluja liegt mir noch im Ohr und in den Gliedern. Mir wurde zum ersten Mal klar, wie großartig das: Es ist uns ein Kind geboren, ist. Das Christentum war doch nicht so ohne. Die tiefe Wahrheit dieses Teils der Christuslegende: Aller Anfang ist heil.“ (H. Arendt/ H. Blücher, Briefe 1936-1968) Arendt schreibt in ihrem Denktagebuch das Halleluja – das Loben, Preisen und die Freude, sei „nur zu verstehen aus dem Text: Es ist uns ein Kind geboren.“ Sie hebt beides hervor: Die Idee des Christentums, die Geburt eines Kindes zum Eckpfeiler des Glaubens an eine mögliche Rettung der Welt zu knüpfen: Also auf die Geburt als Verheißung hinzuweisen und Händels künstlerisches Genie, allein mit Mitteln der Kunst die Bedeutung der Geburt auszudrücken: „dass man in der Welt vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf“ (vgl. Bérénice Levet , Die Geburt als philosophische Idee). Arendt nutzt die Bedeutung der Geburt als Anfang für ihre Handlungstheorie und macht hierbei auf etwas aufmerksam, das inbesondere politische Bedeutung hat: „Weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein initium ist, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen.“ (Hannah Arendt) In ihrem Buch Vita activa oder Vom tätigen Leben findet sie dafür eine eindrückliche Metapher und spricht vom menschlichen Bezugsgewebe, in das wir durch unser Sprechen und Handeln einen neuen Faden schlagen können. Dieses Bezugsgewebe ist bereits da, bevor wir mit dem Handeln beginnen und es wird uns auch überdauern. Es liegt auch nicht in unserer Hand, wie dieser Faden weitergesponnen wird, aber durch die prinzipielle Freiheit, die uns als geborenen Wesen zukommt, können wir immer wieder neu beginnen. Wie in der Geburt das Geborene auf Vater und Mutter trifft, trifft der Handelnde auf das gegenwärtige Bezugsgewebe menschlicher Interessen, einen Schatz von Geschichte, Geschichten und Sprachen, in denen sie sich artikulieren (vgl. Heide Volkening 2014). Darauf kann uns die Geburt als philosophische Idee aufmerksam machen. Sie erinnert uns an das Wagnis des Handelns und an unsere Verantwortung für die Mitwelt, sie lässt uns fürchten und hoffen. Mit der Aussicht auf Wunder in der Welt vermag sie uns zu ermutigen, und mit wachem und starkem Blick, wie die kleinen Neuankömmlinge, einen Anfang zu machen, für Geschichten, deren Ende wir zwar nicht absehen können, aber die es schaffen könnten, Hoffnung zu geben und den Blick auf die Möglichkeiten zu lenken. Die Geburt als philosophische Idee kann uns auffordern: Habe Mut, ein Anfang zu sein!  Auf die Geburt eines Kindes Wie wird des Himmels Vater schauen Mit Freude das erwachsne Kind, Gehend auf blumenreichen Auen, Mit andern, welche lieb ihm sind. Indessen freue dich des Lebens, Aus einer guten Seele kommt Die Schönheit herrlichen Bestrebens, Göttlicher Grund dir mehr noch frommt. (Friedrich Hölderlin)
von Dr. Sandra Eleonore Johst 19. August 2025
Entscheidungen faszinieren mich schon seit langem - wahrscheinlich sind sie die stärksten Pinselstriche, mit denen wir unseren Lebensweg formen können. Erst gestern sagte mir mein Mann: „Ich bin so gespannt darauf, wie unser gemeinsames Leben weitergeht." In diesem Sinne sind Entscheidungen für mich persönlich schon immer etwas großartiges, ein Instrument zur bewussten Lebensgestaltung. Das heißt jedoch nicht, dass es mir immer leicht fällt, eine Entscheidung zu treffen. Gerade wenn das der Fall ist, wünscht man sich Hilfe. Allerdings ist man schlecht beraten, sich die Entscheidung abnehmen zu lassen - von der Zeit, die es regelt oder dem Ratschlag einer anderen Person, denn damit gibt man gewissermaßen den Pinsel seines Lebenswegs aus der Hand. Als Psychologische Beraterin biete ich professionelle Unterstützung bei psychischen Problemen ohne Krankheitswert. Die Methode ist das Gespräch, über das ich meinem Gegenüber Hilfe zur Selbsthilfe anbiete. Wie ein solches Gespräch möglichst effektiv helfen kann, zeigt der klientenzentrierte Ansatz von Carl Rogers, nach dem ich arbeite. Die drei Merkmale, an denen ich mich orientiere, sind Echtheit , Akzeptanz und Empathie . Diese bieten sowohl im Umgang mit sich selbst als auch mit den Gesprächspartnern grundlegende Orientierung. Sie helfen bei der Frage: Wie soll ich das Gespräch führen, um für meine Gesprächspartnerin oder meinen Gesprächspartner eine Hilfe zur Selbsthilfe sein zu können? Da sich im Gespräch ein anfängliches Problem oft zu einer Schwierigkeit bei der Entscheidungsfindung entwickelt, habe ich damals 2018 meine Abschlussarbeit diesem Thema gewidmet. Das wichtigste daraus stelle ich hier nun kurz vor! Das denkende Individuum als Maßstab für das „Richtige" Meistens wird eine Entscheidung erst problematisch, wenn ein lässig-entspanntes 'Sowohl-als-auch' sich in ein klares 'Entweder-oder' verwandelt. Da sich Lawrence Kohlberg in seiner Psychologie der Moralentwicklung mit Dilemmata beschäftigt hat, habe ich mich dieser Theorie zugewendet und wie er, das denkende Individuum zum Ausgangspunkt für eine Entscheidungshilfe genommen. Für Kohlberg zeigt sich die moralische Kompetenz des Einzelnen darin, alternative Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und zu prüfen, um eine bewusste für ihn vertretbare Entscheidung zu treffen. Fortgeschrittenes moralisches Denken hängt für Kohlberg mit einer fortgeschrittenen Urteilskraft zusammen. Taucht in einer Situation die Frage auf „Was soll ich tun?", können wir uns nach einem Lustgefühl richten und auf die Meinung der anderen pfeifen (präkonventionelles Niveau), wir können uns danach richten, was andere von uns erwarten (konventionelles Niveau) oder wir richten uns nach Prinzipien, die wir als allgemein und verbindlich eingesehen haben und uns selbst auferlegen (postkonventionelles Niveau). Auf welchem Niveau auch immer wir uns bewegen, in dieser Perspektive erhalten alle anderen Faktoren für eine Entscheidung nur das Gewicht, welches die moralische Akteurin oder der moralische Akteur ihnen zuspricht. Das Heinz-Dilemma kann dafür ein Beispiel geben. Heinz hat bereits alle legalen Mittel ausgeschöpft, um seiner kranken Frau ihre benötigte Medizin zu verschaffen. Doch er kommt nicht an die Medikamente und der Apotheker will sie ihm auch nicht günstiger geben. Bekommt die Frau diese Medikamente nicht, wird sie sterben: Ist es moralisch vertretbar, wenn Heinz die Medikamente klaut? Ob er nun einen Einbruch in Erwägung zieht oder nicht, wird nicht von dem Gesetz oder der Fürsorgekonvention entschieden, sondern wie beide Regelsysteme von dem Entscheidenden bewertet werden. Das Individuum ist hier kein ausführendes Organ fremder Instruktionen, sondern Richter und Gesetzgeber in einer Person. Es kann sich an das Gesetz halten, es kann sich an einem größtmöglichen Wohl der Gesellschaft orientieren, aber es gibt keinen äußeren Zwang dafür. Das Individuum wird zur Instanz des selbstgewählten moralischen Maßstab s. Sich selbst genügen Betrachtet man diese Funktion der moralischen Akteurin und des moralischen Akteurs als entscheidende Instanz über 'richtig' und 'falsch', erscheint die dafür benötigte Kraft und Kompetenz. Auf diese richte ich in der psychologischen Beratung den Blick und versuche, sie bewusst werden zu lassen. Bei Entscheidungen gibt es erste Neigungen und Emotionen, die eine Rolle spielen und es gibt gesellschaftliche Erwartungshaltungen, die an uns gerichtet werden, es gibt gesetzliche Rahmen, deren Übertretung Konsequenzen mit sich bringt und es gibt Personen, für die wir konkret verantwortlich sind, weil unsere Entscheidung auch ihren Lebensweg beeinflussen. Was hilft, sich in diesem Dschungel von Erwartungen, Verantwortung, Emotionen, Bedürfnissen und Zwängen zurecht zu finden, ist eine gründliche Selbstexploration . Zu dieser Selbstexploartion anzuleiten, darin vermute ich eine fruchtbare Verbindung zwischen Philosophie und psychologischer Beratung. Karl Jaspers hat sich mit seiner „Psychologie der Weltanschauungen" genau auf diesen Weg begeben. In seinem Vorwort von 1919 erklärt er sein Vorhaben und was er mit diesem Buch leisten kann und möchte: „Statt einer direkten Mitteilung dessen, worauf es im Leben ankomme, sollen nur Klärungen und Möglichkeiten als Mittel zur Selbstbesinnung gegeben werden. Wer direkte Antwort auf die Frage will, wie er leben solle, sucht in diesem Buche vergebens. Das Wesentliche, das in den konkreten Entscheidungen persönlichen Schicksals liegt, bleibt verschlossen. Das Buch hat nur Sinn für Menschen, die beginnen sich zu verwundern, auf sich selbst reflektieren, Fragwürdigkeiten des Daseins zu sehen, und auch nur Sinn für solche, die das Leben als persönliche, irrationale, durch nichts aufhebbare Verantwortung erfahren.“ (Karl Jaspers) Unsere rationale Fähigkeit zu reflektieren und zu urteilen, das 'Ich denke' zu aktivieren und im Gespräch zur Entscheidungsfindung zu nutzen, bedeutet nicht über andere Facetten unseres Seelenlebens hinwegzudenken. Wir sind immer mehr als Rationalität. Deswegen bedeutet Selbstbesinnung für mich auch immer ein Selbstfühlen. Wie stark Emotionen wirken und dass sie sogar in der Lage sind, gänzlich das Ruder zu übernehmen, kennen wir aus Ausnahmesituationen. Gerade weil das so ist, und sich wahrlich kein klarer Gedanke fassen lässt, solange Gefühle toben, kann es ein erster wichtiger Schritt zu einem klaren Kopf sein, die Gefühle zuzulassen und zu spüren. Emotionen ernst nehmen, zulassen und leben Emotionen gehören zu den Faktoren unseres Lebens, die sich konsequenter Steuerung entziehen. Oft gibt es einen mehr oder weniger klaren Auslöser. Dann bricht es plötzlich herein, reißt einen aus dem Alltag. Was auch immer zuvor im Kopf war, wird nun durch dieses Ereignis überlagert. Wenn uns etwas oder jemand verletzt hat, tauchen Emotionen auf, die unangenehm sind - lässt man ihnen freien Lauf, merken wir, dass sie zu Reaktionen führen, die weniger gesellschaftlich akzeptiert sind: Schreien, Türen knallen, rauslaufen! Auch wenn ich mich darum bemühe, auf mich selbst zu hören, ertappe ich mich bisweilen dabei, Emotionen zu sortieren in willkommen (Freude, Erleichterung, Begeisterung) und unwillkommen (Verärgerung, Wut, Enttäuschung). An meiner kleinen Nachbarin, die nun bald drei Jahre alt wird, darf ich sozial ungefilterte Emotionen erleben. Neben dem unfassbar schnelllebigen Wechsel zwischen Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, sind es vor allem die Wutanfälle, die mich nachhaltig beeindrucken. Nach dem Toben, kommt die Beruhigung. Was auch immer da war und nicht gepasst hat, ist nun weg gebrüllt, getreten und geweint. Es kann weiter gehen! Katharsis in Reinform. Aber was soll man machen, wenn einen im Alltag etwas unerwartet trifft und aus der Bahn wirft und man eben nicht mehr drei Jahre alt ist? Man nicht mehr einfach die Person anschreien kann oder möchte, weil es an dem, was wehtut auch nichts ändert, es die Beziehung vielleicht im Anschluss eher noch verkomplizieren würde. In mir spüre ich die Tendenz, so etwas unangenehmes wegzuschieben, klein zu reden, den Fehler doch bei mir zu suchen, mich abzulenken. Doch weiß ich aus langen Jahren verschiedener persönlicher Verarbeitungsprozesse, dass so ein Wegdrehen vom Schmerzvollen seelische Verletzungen nicht heilen kann. Also, was tun? Diese Frage sollte sich jede und jeder stellen - mein Umgang ist kein Rezept, sondern soll lediglich skizzieren, dass es wichtig ist, seine Gefühle zu leben . Ich warte zum Beispiel ab, bis ich alleine bin und dann lasse ich es zu - oder besser raus. Musik ist dabei ein wunderbarer Verstärker für meine Emotionen. Sanfte, melancholische Musik und die Tränen laufen. Schnelle und laute Musik auf die Ohren und ich laufe mir den Ärger von der Seele. Wenn ich richtig wütend bin, hilft immer noch das, was schon meine kleine Nachbarin für sich entdeckt hat: Stampfen und Schreien. Das mache ich allerdings dann lieber im Wald und hoffentlich ohne Zuschauer 😊 Und danach, wenn sich die inneren Wogen beruhigt haben, der Kopf nicht mehr wild kreist, dann ist der Moment, indem ein sich sortieren wieder möglich ist. Dann ist genug Abstand zwischen mir und dem Ereignis, um es zu reflektieren und zu analysieren, den Pinsel wieder in die Hand zu nehmen. Und erst daran anschließend bin ich bereit, in ein Gespräch zu starten, mich mitzuteilen und dem anderen die Chance zu geben, für einen ehrlichen Austausch darüber, was für mich aus welchen Gründen nicht passt und wie sich das künftig ändern ließe. Eine gute Entscheidung treffen Um eine gute Entscheidung zu treffen, sind das für mich die Hauptfaktoren: Erstens, sich zu erlauben, Emotionen zuzulassen und zu lernen, auf der Klaviatur der Gefühle zu spielen, deren Melodie zwar nicht unseren Vorstellungen entspricht, aber Ausdruck unseres Inneren ist. Zweitens, sich über die eigenen Gründe klar zu werden, um das Selbst in die Rolle von Richter und Gesetzgeber über die konkreten Entscheidungen zu setzen.
von Dr. Sandra Eleonore Johst 19. August 2025
Hallo und herzlich willkommen auf meinem Blog! Mein Name ist Dr. Sandra Eleonore Johst, ich bin promovierte Philosophin und Psychologische Beraterin und stelle dir hier vor, warum und was das Philosophieren zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen kann.
von Dr. Sandra Eleonore Johst 19. August 2025
Wie oft bin ich, gerade als junge Frau, still geblieben, obwohl ich etwas zu sagen gehabt hätte? Mittlerweile bin ich als Dozentin und Philosophin darin geübt, vor Personen zu sprechen, Moderationen zu übernehmen und meine Ansichten auch bei Gegenwind zu verteidigen. Dieser Artikel ist für alle, aber insbesondere Frauen, die bisher noch viel zu selten, das Wort ergreifen. Hier sind Gründe dafür, warum deine Stimme zählt 🤗